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Freundinnen und Freunde dieses Kanals wissen es natürlich: Das hier vorrangige Thema ist selbstverständlich der Bergbau und dessen Wunder. Dafür schließlich seid ihr ja hier. Da wir uns zuletzt nur an der Oberfläche aufhielten, wird es nun Zeit, in die Tiefe zu schauen.
Die gut hundertjährige Bergbaugeschichte in der sardischen Region Sulcis Iglesiente brachte nicht nur reichlich Blei und Zink hervor, sondern auch architektonische Highlights Übertage, die sich heute noch hervorragend besichtigen lassen. Gewaltige Anlagen, scheinbar aus Rost und Vogelkot gefertigt, zeugen von der Arbeit, die hier einst das Wunder des Mehrwerts schuf.
Ihr merkt schon: es wird von Wundern die Rede sein.
Im Versuch einer noch auszufertigenden Theorie der Wunder, möchte ich zunächst unterscheiden zwischen 1) offensichtlichen Wundern, die man jedoch erst entdecken muss und 2) nicht-offensichtlichen Wundern, die man als solche erst erkennen muss. Die einen erfordern eine funktionierende Taschenlampe, die anderen Fantasie. Da diese Unterscheidung leider zwingend eine Hybridform 3) nahelegt, die zu allem Überfluss so ziemlich alles enthalten kann, möchte ich es dabei bewenden lassen und über etwas anderes reden, nämlich: das Naturwunder. Dieses sprengt den Theorieansatz leider letztgültig, da es in alle drei Kategorien fällt und darüber hinaus das Wunder als Metapher, also 4), indiziert. Soviel zur Theorie.
Nun zur Praxis: Eines dieser Naturwunder entdeckten sardische Bergarbeiter im April 1952 in der Miniera di San Giovanni: Nachdem bereits horizontale Stollen in diversen Teufen gegraben wurden, wollte man diese durch vertikale Stollen miteinander verbinden, um das Gestein schneller zum Minenausgang zu befördern. Beim Bohren eines Verbindungsstollens in Richtung Aufwärts, stieß man zunächst auf einen Hohlraum und anschließend, nach entsprechender Beurteilung, auf ein Naturwunder.
Der Hohlraum maß nämlich 25 Meter Deckenhöhe auf das Volumen einer Konzerthalle und war ca. 500 Millionen Jahre lang hermetisch abgeschlossen. Diese Ausgangslage hatte „damals“ zweierlei zur Folge: 1) konnten sich Tropfsteinformationen auf Weltniveau ausbilden und 2) konnte sich das im Gestein eingelagerte Barium im Höhleninneren absetzen und die Wände vollständig in Form dunkler Baryt-Chips auskleiden. Das zwar nicht auf Weltniveau – denn dafür bräuchte es Vergleichbares –, dafür aber in weltweiter Einmaligkeit.
Ich frage mich, was wohl in jenem ersten Bergarbeiter vorging, als zunächst sein Helm mit der aufgezogenen Karbidlampe, anschließend seine Stirn und schließlich seine Augen von unten in die Höhle ragten. Was geschieht in einem Menschen, dessen Augen eine schweigende Kathedrale aus dunkel glitzerndem Baryt erblicken, und dessen Lungen von der 17°C kühlen Luft des Kambriums gefüllt werden, während sich der Rest seines Körpers im Gestank von Sprengstoff und Schweiß befindet, im Lärm und Staub einer sardischen Bleimine des Jahres 1952?
Nicht jedes Wunder hat das Glück, unmittelbar als solches erkannt zu werden. Viele bleiben ewig unbemerkt. Dass jenes Naturwunder so rasch als solches erkannt wurde, war dessen Glück: der Durchbruch wurde sofort wieder verschlossen, um die klimatischen Gewohnheiten des empfindlichen Inneren nicht zu stören. Dem unerwarteten Eindringen des Jahres 1952 in das Jahr minus 500 Millionen mit einem Deckel zu begegnen, war erfreulich pragmatisch. Heute wird das Klima über gezielt in eine Senke geleitetes Wasser reguliert, das die Grotta di Santa Barbara um einen kleinen Teich als Kollateralnutzen aufwertet.
Eine schöne Sache, die der kapitalistische Raubbau hier zutage getragen bzw. untertage belassen hat. Womöglich hilft uns diese Episode auch für unsere Theorie des Wunders. Wir lernten: Wer vom Naturwunder reden will, darf vom Kapitalismus nicht schweigen. Und dass das eine mit dem anderen zu tun hat, verweist vielleicht auf ein Drittes – vielleicht das größte Wunder überhaupt: den Widerspruch.


















