Ein Bericht
Die geographische Matrjoschka
Vom Festland mit der Fähre auf eine Insel (Sardinien), von dort über eine Brücke auf eine kleinere Insel (Sant’Antiocco) und von dort mit der Fähre auf eine sehr kleine Insel (San Pietro). Letztere lässt sich in 15 Minuten mit dem Auto durchqueren und vor der Türe schwimmen Delfine vorbei. Soweit so sehr gut am letzten Tag des Jahres 2025.
San Pietro misst 50 Quadratkilometer und beherbergt 5000 Einwohner sowie einen Touristen, vielleicht auch zwei, je nach Beurteilung der ontologischen Qualität meines Mitreisenden, in dessen Gesellschaft ich mich seit Kurzem befand, auch wenn ich weder weiß, wann Schmidt anreiste oder ob ich dieser Anreise zugestimmt hatte. San Pietro also ist so klein, dass man aus erhöhter Position (die wir nicht besuchten, von der wir aber hörten) sämtliche Ränder der Insel überblicken kann. Das ist insofern hilfreich, als man hierdurch nicht nur weiß, wo die Insel, sondern auch, wo der eigene Verfügungsbereich endet.
„Das begrenzende Meer: eigentlich die ultimative Freiheitserfahrung“, meinte ich nachdenklich zu Schmidt. „Das hast du damals in Griechenland mehrfach festgestellt“, gab mir Schmidt zurück. Schmidt hatte recht und ich schwieg in Verlegenheit. Das ist das Tragische an Erkenntnissen: dass sie sich wiederholen. „Ist trotzdem richtig“, sagte Schmidt und holte mich aus meiner Versenkung.
Wir verbrachten den Silvesterabend, auch wenn ich nicht mehr weiß, wie.
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Das neue Jahr
Der 1. Januar 2026 begann mit Ereignissen, die selbst Schmidt überrascht hätten, würde er sich denn überhaupt von etwas überraschen lassen. Wir befanden uns in Carloforte, dem einzigen Ort der Insel; und dies ist ein Sachverhalt, der Ortsunkundigen die Orientierung erheblich erleichtert, da man sich so nie fragen muss, in welchem, sondern nur ob man sich im Ort befindet. In Carloforte ging am Neujahrsmorgen die Sonne und mit ihr der Laden einer Bar an der Hafenpromenade auf, während gleichzeitig ein Mann mit seinem Hund und ein anderer Mann ohne Hund spazieren ging. „Siehst du das?“, fragte ich Schmidt, der nickte. „Tatsache. Ein Moment widerspruchsfreier Existenz.“ Ich erinnerte mich meines Vorsatzes der letzten Nacht, als ich im Delir für mich entschied, dass mein 2026 heiter werden möge. Dass das Jahr nun, keine acht Stunden alt, bereits lieferte – und dies ganz ohne mein Zutun –, fand ich in Ordnung.
Schmidt stand neben mir und atmete die ligurische Morgenluft, wobei Schmidt üblicherweise ligurische Morgenluft atmet, wenn er sich in Ligurien befindet, womit er hier zwar geographisch falsch, kulturell aber ziemlich richtig lag: Die Carlofortesi nämlich sind keine Sarden. Ihre Vorfahren waren Genueser, die im 16. Jahrhundert auf die tunesische Insel Tabarka auswanderten, um Korallen zu fischen. Von dort wurden sie jedoch im 18. Jahrhundert vertrieben und erhielten von König Karl Emanuel III. („Karloforte“) auf San Pietro Asyl. Noch heute spricht man hier Tabarchino, einen alten ligurischen Dialekt. So sieht Carloforte mit seinen engen Gassen, pastellfarbenen Häusern und schmiedeeisernen Balkonen noch immer heute aus, als hätte man ein Stück ligurische Riviera abgebrochen und dem Meer überlassen, welches sie zielgerichtet hier anspülte.
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Die Erkundung
An jenem Neujahrstag unternahmen Schmidt und ich einen Küstenspaziergang. Wir hörten jene Möwen lachen, die wir anschließend sahen und sahen Wellen, die wir hörten, als wir uns dem Meer näherten. An einer Steilklippe hielten wir inne, da sich in Richtung unseres Weges eine Infotafel aufdrängte, von der wir lernten: San Pietro bestehe aus Comendit, einer Variante des vulkanischen Rhyolith, das quasi nur hier vorkommt und seinen Namen der lokalen Ortsbezeichnung „Le Commende“ verdankt. Schmidt schaute von der Tafel auf und bemerkte beim Betrachten der Klippen: “Interessant, dass man einem Gestein einen Namen gibt und nicht umgekehrt.” Dass Schmidt in Rätseln zu sprechen pflegte, ist nicht nur seinen Lesern, sondern auch mir bekannt und ich nickte also gewohnheitsgemäß, da Gewohnheiten geeignete Reaktionen auf etwas sind, das man nicht versteht. Schmidt bemerkte dies und ergänzte: „Ist doch schön, wenn Steine wissen, wo sie herkommen.“ Dagegen hatte ich nichts einzuwenden und wir setzen unseren Gang fort.
Wir erreichten mit den Salinen das Habitat vieler hunderter Flamingos, die sich in ihrer Heimat zu unserer Freude wohlzufühlen schienen und den eigentlich zu dieser Zeit seitens ihres Erbguts vorgesehenen Zug gen Süden unterlassen hatten. Ich erinnerte mich meines Gedankens an die Freiheit der Inseln und schloss still, dass wohl auch jene Flamingos sich zu dieser entschieden hatten und das ihnen von der Natur vorgesehene Verhalten unterließen. Ich fragte mich, ob sie uns hierin vielleicht ähnlicher seien, als wir gemeinhin annehmen. Schmidt beobachtete die Flamingos und bemerkte: “Interessant. Sie bleiben hier, obwohl sie anders könnten. Ganz wie wir.“ Mich ärgerte, dass Schmidt entweder a) deutlich mehr über Flamingos wusste, als ich, b) meine Gedanken lesen konnte. Ich entschied mich für b), da mir a) nichts Gegenteiliges von Schmidt bekannt war und Schmidt b) – zu meiner Sorge – häufig meine Gedanken zu kennen schien. Wichtigstens war mir jedoch c), nämlich dass ich so einiges über Flamingos wusste und hierin eine gute Chance sah, Schmidt zu überraschen.
„Wusstest du, dass Flamingos ihre Farbe durch das Carotin ihrer Nahrung, nämlich kleiner Krebstiere erhalten?“ Schmidt betrachtete die Vögel und zog eine Miene, die mir sagte, dass er dies scheinbar schon wusste. „Okay, aber wusstest du, das juvenile Flamingos deshalb ganz grau sind, weil sie noch nicht genügend Carotin zu sich genommen haben?“ Schmidt reagierte zunächst nicht und wies schließlich auf ein kleines, graues Flamingojunges, das sich zwischen den adulten Tieren befand. „Okay, okay, aber pass auf: Wusstest du, dass das Junge in den ersten Monaten von beiden Flamingoeltern paritätisch gefüttert wird? Und dass die Eltern sich dabei entfärben? Sie produzieren nämlich in ihrem Hals einen Brei, in den sie ihr eigenes Carotin abgeben!“ … Einen Moment lang geschah nichts, außer dass mich meine mit Emphase geführte Rede erschöpft hatte und ich anschließend etwas tiefer atmen musste. Schmidt rührte sich nicht. Jetzt hatte ich ihn, das konnte er nicht gewusst haben. Schmidt drehte sich zu mir und sagte: „Kropfmilch.“ Ich starrte ihn an. Ich verstand Schmidt nur selten und akzeptierte dies gemeinhin, doch dies nun wollte ich verstehen. „Kropfmilch?!“, gab ich kopfschüttelnd zurück. „Man nennt es Kropfmilch. Ein blutroter Saft, den die Eltern den Kindern einflößen. Ist ein schönes Wort.“ Scham machte sich breit auf meinem Gesicht ob meiner charakterlichen Schwäche. Ich wollte Brillieren vor dem, der mehr weiß. Und dies sagt mehr über mich, als über Schmidt. Ich atmete aus. „Ja“, gab ich zurück, da Schmidt natürlich recht hatte. „Ein schönes Wort.“
„Komm, es ist Zeit etwas zu essen“, sagte Schmidt und wandte sich um. Er hatte neuerlich recht.
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Die Kultur
Wenn der Ruf des Hungers den Körper des Menschen auf San Pietro verlässt, antwortet unweigerlich die „Tonnara Carloforte“, jenes weiß gekalkte Gebäude am nördlichsten Inselpunkt. Die acht Kilometer breite Meerenge zwischen San Pietro und Sardinien ist eine der heikelsten Passagen in den Zugwegen des Roten Thunfischs, der im Frühling eines jeden Jahres diesen Bereich durchquert, um seine mediterranen Laichgebiete zu erreichen. Fortpflanzung ist ein hartes Geschäft, welches den Thunfisch hierher und in ein Labyrinth von Netzen führt, das keinen Ausgang, jedoch ein Ende kennt.
Berühmt ist San Pietro für eben diesen Roten Thunfisch. In einem jeden März versammelt sich die Insel zum traditionellen Fest der „Mattanza“, zu welcher die Meerenge in große Netze gelegt und den Fischen ihre instinktiven Wege versperrt werden. Groß und Klein fahren auf den Booten hinaus und feiern nicht nur eine Tradition, sondern auch ihren eigenen – zweifellos guten – Ruf.
Während Schmidt und ich gen Carloforte gingen, machte ich eine Bemerkung über diese Tradition: „Mattanza. Als ich das Wort zum ersten Mal las, imponierte mir sofort dessen musikalische Qualität. Sprich es einmal laut aus!“ Da Schmidt nicht antwortete, tat ich es selbst: „MA-TAN-ZA. Herrlich, oder? Das klingt nach Tanz, nach Choreographie, nach einem spielerischen Austausch zwischen Mensch und Natur. Nach einem Lied. In jedem Fall nach Kunst und Veredelung.“ Schmidt ging und ich ging und ich war überrascht oder womöglich sogar etwas enttäuscht, dass Schmidt nicht auf meine Ausführungen einging. „Man nennt den Thunfisch auch ‚Rotes Gold‘, wusstest du das?“
Schmidt blieb stehen und sah mich ernst an. „Man nennt ihn so, weil es das Ergebnis der Mattanza ist.“ – „Sag ich ja, wegen des Tanzes.“ – „Mattanza bedeutet ‚Abschlachten‘.“
Ich schwieg. Es war einer jener typischen Spielzüge des Lebens, das einen mit Vorliebe genau dann mit radikaler Faktizität erschlägt, wenn man gerade dabei war, ihm in ästhetischer Kontemplation etwas entgegenzusetzen. Die semantische Falle des Südens war zugeschnappt: Sie verkleidet das Brutale so lange in Melodie und Vokale, bis man glaubt, selbst das Sterben sei vielleicht eine Oper, nur um anschließend zu beweisen, dass es eben doch nur ein Schlachthof ist. Schmidt erkannte meine Paralyse, blieb jedoch ungerührt. Während mich die Diskrepanz zwischen Wort und Tat, zwischen Gesang und Blut erstarrte, schienen ihm die Abgründe hinter solchen Begriffen vertraut. Schmidt hat es leicht: Dem Tod begegnet er grundsätzlich nur mit Interesse oder Gleichgültigkeit, jederzeit jedoch als Unbeteiligter.
„Ich verstehe, dass dich sowohl das Sterben, als auch das ritualisierte Abschlachten traurig stimmt“, sprach Schmidt in meine Erstarrung. „Was denkst du, wie sich wohl Verhungern anfühlen würde?“ Ich blickte auf und spürte tatsächlich meinen Hunger. „Du hast gerade eine kulturelle Erfahrung gemacht, die du wohl noch verdauen musst. Und dafür bedarf es etwas im Magen. Ich empfehle eine nachvollziehende Annäherung an dein Trauma. Schau’n wir mal, wo wir Thunfisch bekommen.“
Der Rest des Abends ist schnell erzählt. Wir suchten Roten Thunfisch und scheiterten sechsmal: dreimal an verschlossenen Türen, einmal an den Vorräten der Küche, einmal an meinem Italienisch und einmal an etwas, das für immer ein Rätsel bleiben soll. Schließlich saßen wir vor zwei Tellern selbstgekochter Pasta Cacio e Pepe. Schmidt wickelte eine perfekt proportionierte Gabel auf, betrachtete sie kurz und sagte: „Thunfisch ist wie Glück. Man kann ihn nicht erzwingen, man kann ihm nur begegnen.“
Ob Schmidt je Thunfisch gegessen hat, weiß ich jedoch nicht zu sagen.
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Der Sturm
Eines Nachts geschahen folgende Dinge in dieser Reihenfolge: Eine Zwergohreule rief, die Wellen brandeten regelmäßig an Land, die Macchia raschelte im Wind. Anschließend geschah das nun Folgende, nämlich dass die Zwergohreule verstummte, die Wellen laut zu schlagen begannen und die Macchia nicht mehr raschelte, oder vielleicht schon, doch zu hören war es nicht mehr, denn man hörte nur noch das Wüten eines Sturmes. Der Mistral strich so beharrlich über die Insel, dass die Fährverbindungen unterbrochen wurden, und Besserung stand nicht in Sicht. Während wir zunächst genossen, nicht von der Welt erreicht werden zu können, wirkte die Unverfügbarkeit plötzlich in beide Richtungen: weder konnte die Welt uns, noch wir die Welt erreichen.
Schmidt fand dies alles ungemein beruhigend. Er stand am Fenster und sah zu, wie der Wind an den Palmen zerrte, während ich mich um die unerledigten Pläne des Urlaubs sorgte und eine Inventur anstellte. Schmidt bemerkte meine Unruhe und sagte, ohne den Blick von den Palmen zu wenden: „Weißt du, was mir an Inseln im Sturm gefällt? Sie sind ehrlicher als Inseln ohne Sturm.“ Ich ließ mich in meiner Sorge nicht unterbrechen. Ich verstand nicht und hatte in jenem Moment keinen Sinn für seine Rätsel. Doch ließ Schmidt nicht nach: „Wenn man mit Möglichkeiten rechnet, die man nicht hat, ist das Ergebnis immer Null.“ Ich ließ den Bleistift fallen, rückte mit dem Stuhl etwas zu theatralisch zurück und sah auf meine Notizen. Die geographische Begrenzung, die ich bei unserer Ankunft noch als theoretisches Konzept von Freiheit romantisiert hatte, zeigte nun ihre Zähne.
„Gestern war es Freiheit, heute ist es Haft“, sagte ich entschlossen in den Raum hinein. Endlich drehte sich Schmidt vom Fenster weg und sah mich an. „Eben.“, sagte er apodiktisch, aber ruhig. „Was ‚eben‘?!“ – „Du verwechselst Freiheit mit Auswahl.“ Der Sturm über der Insel war mitten in meinen Kopf gezogen und füllte ihn aus. Ich wusste weder, was zu tun war, noch, was Schmidt von mir wollte. Schmidt trat näher und setzte sich zu mir an den Tisch. „Und was machen wir jetzt?“, fragte ich. „Eine gute Frage, vielleicht die beste! Wir tun, was wir können.“ Ich schwieg, das Brausen in meinem Kopf ließ keine Reaktion zu. „Als erstes genießen wir die Freiheit.“ – Ich atmete schwer aus. „Welche Freiheit?“ – „Dass der Urlaub aufgehört hat, eine Aufforderung zu sein.“
Zum ersten Mal an diesem Tag drangen Schmidts Worte zu mir durch. Ich blickte aus dem Fenster und dachte an die Liste der Orte, die ich noch sehen wollte. Sie erschien mir nun wie eine Tyrannei der Möglichkeiten. Ich sah Schmidt an, nickte und sah ein. „Du meinst, dass wir nicht mehr so viel entscheiden müssen.“ Schmidt nickte. „Na gut“, gab ich zurück, senkte den Kopf und schloss die Augen. „Sieht gut aus“, sagte Schmidt. Und wir begannen zu genießen.
Nach fünf Tagen legte sich der Sturm und die Welt kam wieder zur Ruhe. Im gleichen Maße kehrte auch meine Unruhe zurück – ich begriff, dass ich die vielleicht friedlichsten Tage meines Lebens verbracht habe.
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Der Abschied
Am letzten Abend saßen Schmidt und ich am Hafen und beobachteten den Sonnenuntergang. “Weißt du”, fragte Schmidt, “was das Gegenteil von Insel ist?” Ich überlegte. “Festland?” – “Nein”, sagte Schmidt. “Das Gegenteil von Insel ist Notwendigkeit.”
Als wir die Insel nach zwei Wochen verließen, stand ich an der Reling der Fähre und bemerkte die Zunahme dreier Distanzen: zunächst die Distanz zwischen der Fähre und der Insel, anschließend zwischen der Insel und mir und schließlich zwischen mir und mir vor zwei Wochen. Zwei Wochen befanden wir uns auf der weltabgewandten Seite des Daseins. Und ich bemerkte, dass ich über zwei Wochen hinweg jeden Tag glücklich war. Schmidt saß neben mir und las in einer Zeitung. “Schmidt”, fragte ich, “warst du glücklich hier?” Schmidt blickte nicht auf. “Glück”, sagte er, “ist vor allem die Abwesenheit der Frage nach Glück.” Dann blätterte er um.

























