Im Südwesten Sardiniens findet man reichlich von Etwas, das man im Anderswo unserer Breitengrade weitestgehend entfernt hat; nämlich dessen Gegenteil: das Nichts. Hügel an Hügel reiht sich dichteste Macchia, nur unterbrochen vom ehemaligen Etwas, das hier der Bergbau war. Und da ein Imperfekt den Abschluss von Etwas markiert, können wir vom Bergbau annehmen, dass er sich gefügt und sein Sein aufgegeben hat, wenn auch nicht spurlos. Wir kennen das von Heidegger: das Sein ist und das Nichts nichtet und dies scheinbar sehr überzeugend.
Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte man unter dem stechenden Grün einiges dessen, was man seinerzeit begehrte: Zink, Blei, Silber, Kobalt und gemischtes Erz mit klangvollen Markennamen wie Blenda oder Calamina. Das zu dieser Zeit hier herrschende Haus Savoyen hatte 1848 die geniale Idee, mittels eines neuen Bergbaugesetzes das Eigentum am Boden vom Eigentum der Bodenschätze zu trennen. So konnten (für manche) gewinnbringende Konzessionen an Bergbaugesellschaften aus England, Frankreich oder Belgien verkauft werden. Und das Etwas kam für gut 100 Jahre zu Besuch.
In die grünen Hügel plante man völlig neue Dörfer. Eine gute Gelegenheit, um am Reißbrett neue Gemeinwesen zu entwerfen, eine utopische Vision, sozusagen, inklusive Krankenhäuser, Schulen und Kirchen, alles unter mediterranem Himmel. Die von den unabhängigen Architekten vorgesehene Gesellschaft sollte gleichberechtigt sein, oder dies zumindest untereinander: damit Frauen und Kinder nicht täglich 12 Stunden auf die in den Stollen arbeitenden Väter warten mussten, wurden ihnen die „Wäschereien“ errichtet, in denen sie sich mit dem händischen Sortieren der Erze beschäftigen konnten (12 Stunden täglich, versteht sich). Die Direktionsvillen locken auch heute noch mit bester Aussicht, nur die Wohnlichkeit leidet unter dem Wassereintritt (ob deren Dächer seinerzeit mitgeplant waren oder schon immer fehlten, weiß ich nicht zu beurteilen).
Wie es wohl klang, als hier noch etwas war? Wie klang das Dampfzeitalter im Macchiagrün? Ein Kreischen der Loren auf den Schienen? Ein Poltern, Stampfen, Menschenkreischen aus den Wäschereien? Dumpfe Dynamitschläge aus Tiefe? Konnte man sie spüren? Rüttelten sie das Erz in den großen Trichtern? Fiel es dadurch etwas zu früh hinunter? Wenn die Hände noch nicht in Sicherheit waren? Heute darf man dem Nichts lauschen. Es klingt herrlich.
Die Abläufe aus den Hügeln schillern auch heute noch farbenfroh dahin, wenn sie weiterhin die im Boden verbliebenen schwermetallenen Überreste dieser Zeit ins Meer entlassen. Dass sie dies mitten durch eine immense Wanderdüne tun, kann niemanden freuen; das Fotografenauge ausgenommen, immerhin. Die Düne nichtet übrigens besonders effizient und die verbliebenen Loren pflichtbewusst dahin. Über diese wurde das Erz hinab zum Meer und schließlich auf kleine Boote („Bilancelle“) transportiert, welche das schwere Gut in Harikari-Missionen zu Häfen mit tieferem Gewässer schifften.
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Auf der Heimfahrt meinte Schmidt: „Das Problem mit dem Nichts ist, dass es sich nicht stapeln lässt. Deshalb investiert auch niemand darin.“ – Worte, die mir einiges erklären. Denn genau so ist das also, wenn das Sein gegen das Nichts antritt und nicht nur sein Sein, sondern auch sein Bewusstsein mitbringt. Und wenn das Sein eines der goldenen Jahre des Feudalkapitalismus ist und frei nach Marx das Sein das Bewusstsein bestimmt, dann bedeutet das Vieles, aber vor allem nichts Gutes. Doch das Sein muss sich stetig behaupten und tut dies ja allerorts gewaltig beharrlich, aber nicht hier, nein, hier nicht, und man sieht es, bzw. nichts, und sagt gerne einmal Danke, herzlichen Dank an das liebe Nichts. Man kann ihm nur alles Gute für die Zukunft wünschen.



















