🎧 Schmidt und der Ruhetag

Schmidt befindet sich am Rande eines Klettergebietes und wird gefragt, ob er wohl einen Ruhetag einlege. (Text + Audiofassung 🎧)

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Wir kennen Schmidt als rundum angenehmen Menschen, der es gerne angenehm hat. Ersteres wissen wir aus Erfahrung, da wir Schmidt einst rundum berühren durften und nichts Unangenehmes fanden, zweiteres durch Schmidts Information.

Wir sehen Schmidt auf einer Kaimauer in der Nähe eines berühmten Klettergebietes sitzen. Schmidt schaut auf das Meer hinaus und scheint es angenehm zu haben. Schmidts Geist unternahm in diesem Moment eine Wanderung, die Schmidt ihm gerne gestattete, da Schmidt in Anbetracht der ruhigen Umgebung entschied, für eine Weile auf ihn verzichten und seinen Körper unbeschwert ruhen lassen zu können. Schmidts Haut war intensiv gefärbt, was sie einerseits – aufgrund vorangegangenen UV-Brandes – auch tatsächlich war, jedoch nicht nur, da Schmidts Haut in diesem Moment zusätzlich durch das Licht der frühen Morgensonne intensiv gefärbt schien. Schmidt besaß nicht nur eine ihm, wie uns angenehme Haut, sondern auch eine schöne.

Im Verlaufe Schmidts Sitzens passierten ihn die kletternden Bewohner der nebenan liegenden Blechburg auf ihrem morgendlichen Weg zu den örtlichen Örtlichkeiten mit Wasserspülung. Ein junger Mann grüßte Schmidt mit einem Nicken im Vorbeigehen und fragte, ob Schmidt heute einen Ruhetag einlege. Da Schmidt Schmidts Geist in diesem Moment nicht zur Verfügung stand, reagierte Schmidt durch Gewohnheit, da Gewohnheiten nicht gewusst, sondern nur getan werden müssen, und hierzu lediglich ein ausführender Körper benötigt wird, der Schmidt in Form von Schmidts Körper glücklicherweise vorlag. Schmidts Körper lächelte zurück und nickte freundlich.

Nachdem der junge Mann weitergegangen und Schmidts Geist zurückgekehrt war, fragte sich Schmidt, ob er denn tatsächlich einen Ruhetag einlege oder ob er womöglich etwas anderes vor und entsprechend die Unwahrheit gesagt habe. Schmidt erinnerte sich, dass er heute durchaus einiges erledigen wollte, wozu neben dem Atmen und dem Gehen auch der bewusste Blick aufs Meer gehörte, zu dem er vor dem Auswandern seines Geistes noch keine Gelegenheit hatte. Schmidts Geist füllte sich mit weiteren Gedanken, die Schmidt in Unruhe versetzten und Schmidt befürchtete, dass – sollte Schmidt tatsächlich einen Ruhetag einlegen – dies womöglich nicht gelingen würde, da ein Ruhetag wahrscheinlich viel mit Ruhe zu tun hat und Schmidt bereits unruhig war.

Als Schmidt von einer jungen Frau im Passieren ebenfalls nach Schmidts möglichem Vorhaben, einen Ruhetag einzulegen, angefragt wurde, entschied Schmidt mit Nein zu antworten, da ihm dies eine korrektere Antwort zu sein schien und er keine weitere Unwahrheit riskieren wollte. Die junge Frau nickte und fragte weiter, wohin Schmidt denn also heute gehen wolle? Schmidt versuchte nach- oder zumindest rasch zu denken, da sich die Frau schon fast außer Hörweite einer Antwort in üblicher Lautstärke befand, scheiterte jedoch und rief – um sie noch zu erreichen – unangemessen laut, dass er am Strand spazieren werde. Die junge Frau schien die Distanz zwischen Schmidt und ihr als zu groß für eine verbale Antwort zu erachten und reagierte mit einem fragenden Gesichtsausdruck, der Schmidt schließen ließ, dass seine Antwort falsch gewesen war.

Nach kurzer Zeit kam die junge Frau zurück und schien tatsächlich unzufrieden mit Schmidts Antwort zu sein, da sie vor Schmidt stehenblieb und nachfragte, ob er also doch einen Ruhetag einlege, wenn er denn nirgendwohin gehe. Ohne zu wissen, was Schmidt antworten sollte, starrte Schmidt stumm und zunächst auf, dann in und schließlich hinter das Gesicht der Frau, die von Schmidts Reaktion verunsichert war und nun vorsichtiger nachfragte, ob Schmidt vielleicht verletzt sei. Da Schmidt nichts von einer Verletzung wusste und das Schlimmste befürchtete, prüfte er zunächst mit den Augen, sodann mit den Händen seinen Körper und fand ihn intakt, was zwar Schmidt, jedoch nicht Schmidts Gegenüber beruhigte, das sich umwand und kopfschüttelnd ging.

Schmidt stand auf und unternahm einige Schritte an der Kaimauer entlang, da er fürchtete, ein weiteres Mal nach seinem Tun gefragt werden zu können. Schmidt überlegte, ob er womöglich schon einmal einen Ruhetag verbracht hatte, ohne es zu bemerken und fragte sich anschließend, wie er üblicherweise seine Tage verbrachte. Zunächst dachte Schmidt an Tage, an denen er atmete und anschließend an Tage, an denen er ging. Schmidt bemerkte, dass er zwar nicht immer ging, wenn er atmete, jedoch immer atmete, wenn er ging, und Schmidt schloss, dass es für ihn also Tage gebe, in denen er geht und Tage, in denen er nicht geht und zuhause in seinem Bett bleibt. Da Schmidt sich an solchen Tagen jedoch üblicherweise mit Sorgen beschäftigt und die Beschäftigung mit Sorgen ihn nicht in Ruhe, sondern in Unruhe versetzt, vermutet Schmidt, dass es sich bei diesen Tagen nicht um Ruhetage handeln kann.

Schmidt ging zurück zur Kaimauer an der Blechburg, setzte sich auf eine Bank und betrachtete die Menschen gegenüber. Er sah Menschen, die vor ihren Autos saßen und Kaffee tranken. Einige von ihnen lasen, einige dösten in der Sonne. Schmidt fragte sich, ob vielleicht diese Menschen gerade einen Ruhetag verbrachten, doch war Schmidt sich unsicher, da auch er gelegentlich Kaffee trinkt und liest, und Schmidt sich sogar daran erinnern kann, einmal in der Sonne gedöst zu haben. Schmidt gefiel der Gedanke, da er in seinem Leben womöglich bereits mehrere Ruhetage verbracht hatte, ohne davon zu wissen.

Schmidt überlegte, ob man einen Ruhetag vielleicht nur dann haben könne, wenn man sich zu ihm entschließt. Schmidt entschied, es zu versuchen und schloss die Augen. Wenn Schmidt einen Entschluss fasst, weiß er üblicherweise, wozu er sich entschließt. Vor einigen Tagen entschloss Schmidt sich dazu, Nudeln zu kochen. Schmidt setzte anschließend einen Topf Wasser auf, da das Kochen von Nudeln viel mit einem Topf heißen Wassers zu tun hat. Im Falle des Ruhetags jedoch wusste Schmidt nicht, womit genau ein Ruhetag zu tun hat und gab erschöpft auf. Schmidt hatte die Augen geöffnet und atmete schwer, als neuerlich ein junger Mann vorbeikam, der Schmidt freundlich grüßte und fragte, ob er einen Ruhetag einlege. Schmidt bejahte ohne Überzeugung und der junge Mann nickte beim Lächeln und ging weiter.

Schmidt erholte sich mit gesenktem Kopf und hob ihn, als er damit fertig war. Schmidt sah nun, dass einige der jungen Menschen gegenüber ihre Autos mit Seilen und Karabinerhaken beluden und vermutete, dass sie zum Klettern fahren und entsprechend wahrscheinlich keinen Ruhetag einlegen werden. Obgleich Schmidt nichts vom Klettern verstand, nahm Schmidt sich für den nächsten Tag vor, auch klettern zu gehen und hoffte, dass ihm dies leichter fallen würde, als ein Ruhetag.

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