Follow the psyche

Wo eigentlich leben Schildkröten? In Panzern, klar. Aber auch: in exponierten Felshöhlen. Zumindest die griechischen – und zwar postmortem, nachdem größere Vögel sie zum Speisen dort eingeflogen haben.

Auf etwa 2/3 Wandhöhe der großen roten Mauer über Leonidio, hat sich eine langgezogene und reichlich hübsche Höhle gebildet, in der man bequem wohnen kann, wenn einem Zu- und Abstieg nichts weiter ausmachen. Bisher hat sich niemand für eine Dauernutzung gefunden und mir persönlich wäre es dort oben etwas zu sandig. Einige größere Vögel jedoch scheinen gerne zum Speisen anzureisen und ihre Mahlzeit (kleine Schildkröten) gleich mitzubringen. Den Tisch aufgeräumt haben Erstbegeher Rio/Mussatto, und einerseits aus den Resten eine kleine Girlande gebastelt und andererseits ein kleines Masterpiece des Kletterns geschaffen.

In sieben Seillängen zieht die „Voie de Tortues“ (7a, 200m) durch die rote Mauer, fünf davon im Grad 7a. Diese Kontinuität der Schwierigkeiten ist faszinierend, war aber keineswegs notwendig: links und rechts wär’s auch leichter gegangen. Aber wozu, wenn man nicht einfach einen Wanddurchstieg, sondern ein Kunstwerk erschaffen möchte? Jede der schweren Längen ist ein vollkommen anderer Stil: Zunächst leicht überhängend an Löchern, dann abenteuerlich über eine Kante, eine Platte, einen wildem Quergang inkl. schönster Tufas – und in die Höhl. Anschließend im maximal steilsten Bereich des Höhlendachs in 45° Neigung an Tufas und Henkeln hinaus, noch ein Überhang, einige Tropflöcher, und schließlich in der letzten Länge nochmal maximal vertical-verdonesque an Gouttes d’Eau und einen Abschlussüberhang oben raus. Ein herrliches Kletterabenteuer für einen ausgefüllten Tag (den man nutzen und nicht zu knapp bemessen sollte).

Was mich so begeistert, ist gar nicht mal das anhaltend beeindruckende Klettern, sondern die Leistung der erschließerischen Kreativität. Hier wurde nie der offensichtliche Weg, sondern immer der schönste, wildeste, abenteuerlichste Weg gewählt – insbesondere die Länge in die Höhle hinein.

Der Abstieg war ein separates Glück: Da wir in aller griechischen Gemütlichkeit erst nach Mittag einstiegen und uns der Sinn nicht nach unbekannten Abseilpisten im Dunkeln stand, spazierten wir in einbrechender Nacht die Straße hinunter. Guter Techno brachte nachhause, die kleine Bluetooth-Box diente als mobiles Soundsystem, der Asphalt als Dancefloor, der Sternenhimmel als das unwirkliche Dach unseres privaten Clubs. Die vorbeifahrenden Autos hielten wir bewusst nicht an – denn: „Follow the psyche“ (Mel). And the dancing was the psyche.

Es klingt alles zu schön, um wahr zu sein – und das ist es auch. Doch gibt es einen Knackpunkt: Der obere Teil der Route verläuft unmittelbar über einem der familienfreundlichsten Sektoren Leonidios. Und durch die anregend zu kletternde Steilheit im oberen Bereich, würde ein dort gelöster Stein kerzengerade – und ohne jede Ankündigung – genau dort einschlagen, wo andere ihr Lager einrichten. Auch wenn die Route gut geputzt ist, finden sich immer noch einige Death-Flakes, die dringend ihren Ort verändern möchten. Es ist eine grundsätzliche Frage, ob genau in diesem Bereich des Kokkinovrachos eine lange Route eingerichtet werde sollte, die ich nicht beantworten möchte.

Ein unzweifelhaftes Kunstwerk bleibt die „Voie de Tortues“ trotzdessen.

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