Entwurf aus dem noch zu verfassenden Band: „Gesammelte Erregungen“
Immer wieder Leonidio, immer wieder problematisch; zumindest für mich.
Es staut sich, in jener beim Klettervolk so – völlig zu Recht – berühmten Sackgasse an der Ostküste der Peloponnes. Es staut sich und es wird sich weiter stauen, denn Platz ist hier gleichzeitig genug und eben auch nicht. Doch scheint alles zumindest solange in Ordnung zu sein, wie die Vans nicht auf den Olivenbäumen parken.
Als Klettergebiet hat Leonidio eine beispiellos rasante Entwicklung genommen: Innerhalb von nur zehn Jahren entwickelte sich der Geheimtipp gleichzeitig zur ideal beflugreisbaren Holidaydestination, als auch zur vorzüglichen Winterheimat des dauerreisenden Klettervolks. Beschränkte sich die Hochsaison vor wenigen Jahren noch auf die zwei Monate des Jahreswechsels, läuft der Betrieb mittlerweile auch im Februar auf Anschlag.
Das Gros der Gäste respektiert örtliche kulturelle Gepflogenheiten – und das ist wirklich schön und beruhigend. Einer visuell dominanten Minderheit jedoch ist die örtliche Kultur entweder – wohlwollend ausgedrückt – unbekannt, oder aber scheißegal. Das hier kulturunübliche, und entsprechend ungern gesehene, FKK am Strand ist das eine, die Nutzung privater Gärten als Abort das andere. Dass jene Minderheit aber auch kistenweise Spraydosen für eine lokal unübliche Graffiti-Kunst heranschafft und allerlei spraybare Inhalte gleich mitliefert, ist nicht nur momenteweise, sondern nachhaltig sichtbar. Ob sich die Einheimischen mit einem meterhohen und zentral platzierten „VEGAN ANTIFA“ identifizieren, weiß ich nicht zu sagen. Mein bisheriges Verständnis der lokalen Kultur jedoch sagt mir, dass man sich hier weder für das eine, noch das andere des Kompositums interessiert. Eingetragen scheint mir auch der Nahostkonflikt, von dem ich im sonstigen Griechenland außerhalb der Großstädte nur wenig Notiz genommen habe.
„Kulturelle Aneignung“ ist ein Thema vornehmlich des Großstadtklientels – geht es auf Reisen, hat es die kulturelle Eintragung im Gepäck. Ich nehme mich nicht davon aus: Allein meine Anwesenheit ist Eintragung. Doch bleibt sie temporär und nicht an Hauswänden kleben.
Leonidio leidet; zumindest im Blick des – entsprechend gleichermaßen verstrickten – Betrachters. Das Erstaunlichste jedoch sind die Einheimischen selbst. Scheinbar unerschütterlich halten sie am so einzigartig griechischen Konzept der Filoxenia fest und bleiben gastfreundlich, als wäre nie etwas geschehen. Jenes Festhalten an den Prinzipien der eigenen kulturellen Welt, das mir in unserer westlichen Gegenwart so völlig unwahrscheinlich erscheinen will, ist genauso beeindruckend wie unverständlich. Diese Freundlichkeit erfahren zu dürfen, ist ein Privileg, das gerade im Kontrast zur einfallenden Westwelt deutlich wird.
Ich habe Leonidio und seinen Menschen viele gute Tage und Erlebnisse zu verdanken. Und wünsche ihnen von Herzen alles Gute; für eine ungewisse Zukunft.













