🎧 Intimität und Kletterfotografie

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Freundschaft ist eine komplexe kulturelle Praxis, die als wesentliche Bedingung Dauer, Konstanz und Preisgabe verlangt. In seltenen und glücklichen Fällen jedoch, ist eine kleine Abkürzung möglich und die beteiligten Parteien einigen sich zügiger auf wechselseitiges Wohlwollen und Bedarfsunterstützung. Es ist Kaddi Lehmann zu verdanken, dass sie Mel und mich zunächst für einen, letztlich aber für einige Tage mehr zusammengebracht hat.
 
Für den Fotografen ist es immer ein großes Glück, wenn sich das Motiv reichlich unverkrampft bewegt und nicht nur ausreichend körperliche Reserven für interessante Posen, sondern auch einige innere Reserven für Anweisungen mitbringt („Kamera ist rechts, also möglichst viel rechts schütteln, beim Greifen immer nach oben Richtung Kamera schauen, aber nie direkt, immer knapp vorbei, außerdem….“). Zusätzlich ein wenig Spielfreude in der Bewegung und die Sache ist im Kasten, bevor sie belichtet wurde.
 
Fotografie bedeutet für Motiv wie Fotografen immer eine spannende Distanzierung von der eigentlich stattfindenden Praxis: Der eine weiß, dass er in jeder Bewegung beobachtet und als .raw auf einer SD-Karte digitalisiert wird, der andere betrachtet die Situation durch einen digitalen Sucher und fixiert die Szene mit dem rechten Zeigefinger. Im Idealfall vergessen beide die Situation, in der sie sich befinden – nämlich freihängend weit über dem Boden im Seil bzw. freikletternd an Kratzgriffen im 10. Grad. Der eine wird ganz zum fixierenden Auge, der andere zum Kunstwerk seiner inneren und äußeren Bewegung.
 
Kletterfotografie ist ein erstaunliches Ding, weil es so verschiedenartige Aspekte hervorbringt: Die unverschämte Nähe des objektivierenden Fotografenauges z.B., das im Moment der höchsten – und entsprechend privaten – Anspannung des Motivs gnadenlos draufhält und jede bizarre Verzerrung der Gesichtszüge für immer fixiert. Reichlich obszön, eigentlich. Dann aber auch die Dissoziation von der eigentlichen Situation, in der sich beide befinden. Denn: Wer beobachtet wird, ist nie nur im Klettern, sondern immer auch in der Beobachtung. Und wer beobachtet, hängt nie nur im Statik-, sondern auch im Vorstiegsseil.
 
Die hier beschriebene Intimität ist selten eine gewusste, selten ist sie im Bewusstsein der Beteiligten. Gleichwohl ist sie strukturell vorhanden – und je öfter ich über sie nachdenke, desto klarer wird mir, wieso Kletterfotografie eine so intensive und befriedigende Angelegenheit ist. Unbarmherziger Blick und überspannter Körper kommen einander selten so nahe, wie in reichlich Metern über Grund.
Wechselseitiges Einverständnis über diese Grenzsituation ist unverzichtbar, umso schöner, wenn sich beide Seiten gerne in sie hineinschmeißen wollen. Und was sagt uns das über Freundschaft? Es ist die Frage nach Huhn und Ei: War da zuerst die geteilte Sympathie oder die gemeinsame Situation? Völlig wurscht, denn wir alle kennen, was Schmidt seit jeher weiß: „Freundschaft und Preisgabe funktionieren nur rückwirkend. Beide setzen voraus, was sie jeweils erst erzeugen.“
 
Vielen Dank Mel. Für das rasch vertraute Miteinander – und ein paar klasse Bilder nebenbei.

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