Instagram, Verwüstung & Freundschaft als Praxis

Ein spannendes Konzept aus dem Bereich der mehr oder weniger gängigen Lebenspraxis ist z.B. dasjenige der Freundschaft: Herrn Dr. Weihus und mich verbindet neben dieser und der gemeinsam durchstandenen Ambivalenz der Schulzeit nicht nur ein Faible für abstruse Kartenspiele und die Welt als erstaunliches Phänomen, sondern auch ein (nicht selten miteinander) kultivierter romantischer Lebensansatz, zu dessen Ausführung wir uns so traditionell wie jährlich treffen: Wir würden Zirbenzapfen zupfen, hätten wir eine Schnapsmaschine zur Hand.
 
Das Ziel dieser gemeinsamen Unternehmungen ist schon immer nur ein einziges, nämlich: miteinander zu sein. Was man dann so treibt, ist zwar vor allem nebensächlich, jedoch jederzeit auch eine gute Gelegenheit für gemeinsames Staunen über ca. Alles und dessen Gegenteil, je nach Tagesform. Dies kann die ausführliche Interpretation der musikalischen Form des Ragtime im Vergleich zur klassischen Romantik genauso sein wie das stundenlange Gipfelsitzen über einer Inversionslage. Schließlich wird man mit dem Schauen und Sehen selten fertig und es gibt immer eine neue Kontur, einen neuen Schatten, eine neue gefühlte Landschaft zu bestaunen. Und enden tut hier gar nix, da jedes Staunen natürlich kommuniziert und gedankt und interpretiert und so weiter werden muss, da Staunen ja so herrlich unabhängig von allen bestimmten Dingen der Welt ist und es quasi nichts in selbiger gibt, was kein Staunen wert wäre und …. – naja ihr wisst schon.
 
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Schmidt meinte einmal: “Staunen kostet nichts. Deshalb machen es so wenige.” Also staunen wir über so einiges, vor allem aber dieses: nämlich das Phänomen „Lago Sorapìss“. Der Zufall führt uns über Nacht auf das Rifugio Vandelli, knapp unterhalb der sich hier am Latschenrand sammelnden Gletschermilch, die noch für ein paar wenige Jahre aus dem Ghiaccaio Occidentale unterhalb der Punta Sorapìss fließen wird. Trüb staut sich hier das Türkis, wie es solches auch an anderen Orten tut, etwa zwei Täler weiter, am Fedaia-Pass unterhalb der Marmolada, aber natürlich viel ausführlicher überall dort, wo sich das Eis noch ein paar Jahre länger halten wird, zwischen Steinen, Sand und Latschenkiefern.
 
Zwischen Steinen, Sand und Latschenkiefern. Wer unbedarft und unverhofft hier oben ankommt, wird nichts davon wahrnehmen. Sondern vielmehr Müll, Toilettenpapier und Menschenkot und dies für jenen Staudamm halten, der dem Wasser hier das Abfließen und die Freiheit verwehrt.
 
Von Sabrina Pais, der Hüttenwirtin des Rifugio Vandelli, erfahren wir, dass die Welt hier oben seit etwa 2014 eine andere ist. Seit dieser Zeit nämlich schleppen sich jedes Jahr mehr & mehr Körpermassen in ca. 2,5h den teils exponierten „Sentiero 215“ vom Passo Tre Croci hinauf, der auch Teil der Dolomiten Höhenwege 3 und 4 ist. Früher waren es 30 Tagesgäste, vielleicht mal 50. Heute suchen bis zu 3000 Menschen am Tag Erholung und Naturgenuss am Lago Sorapìss. Die intensivste Landschaftserfahrung scheint man dabei auf einem bestimmten Felsen am Seerand zu erleben: dort zumindest steht man Schlange, um einmal auf diesem stehen zu dürfen.
 
Für Sabrina und ihren Mann ist der Körperstrom eine Naturkatastrophe: Man kann nichts dagegen tun. Ein Sturmschlag, eine Überflutung, eine Lawine. Irgendwann fing es an und es endete nicht mehr. Jeden Abend geht Sabrinas Mann Emilio mit Handschuhen, Eimer und Müllzange um die Hütte und sammelt den Müll auf. Früher sei er hierfür auch um den See – aber das ginge schon lange nicht mehr.
 
Auch der Pfad hinauf, der Sentiero 215, wirkt wie von bösem Wetter verwüstet, wurde aber heruntergetrampelt: Die Felsen sind schwarz vom jahrhundertealten Humus, der sich einst festigend an den Latschen sammelte und nun breit verteilt wird. Die den Hang stützenden Latschen brechen ab und der Pfad wird breiter, wird notwendig zweispurig, wird labiler. Manche Stellen gleichen Wechten aus Erde, die gerade noch so über dem Hang halten; wer weiß, wie lange noch. Flankiert wird der Weg nicht nur vom üblichen Toilettenpapier, es zweigen überall kleine Pfade in den Rhododendron ab: Toilettengänge alle hundert Meter.
 
An einer Stelle stehe ich mit dem Freund und der Weg bricht zwischendrin einen Meter ab. Er wurde ausgestampft. Die Latsche konnte ihn nicht halten.
 
Man muss es nicht aussprechen, um zu wissen, worum es hier geht: es sind selbstverständlich die Medien, auf denen auch dieser Text erscheint. Was mich dabei so fasziniert, ist die Beliebigkeit der Hotspots. Der Sorapìss-See ist sicherlich nicht der überwältigendste See der Alpen – und überhaupt sind vergleichbare Orte, wie etwa der Oeschinensee unter der Blüemlisalp viel einfacher zu erreichen. Aber vielleicht sind die Funktionsweisen hinter solcherlei nicht restlos zu durchblicken. Vielleicht ist jeder Ort irgendwie bedroht und manche haben eben Glück.
 
Dominik Sigrist, ehemaliger CIPRA Präsident, meinte mal, dass es gar nicht so sehr die Frage ist, „wieviele Menschen die Natur verträgt. Sondern wieviele Menschen einander ertragen.“ So gerne ich ihm das glauben würde, befürchte ich, dass Menschen doch so einiges ertragen können. Und zwar so einiges mehr.
 
Schmidt ergänzte lakonisch, als er einen Entwurf dieses Textes las: „Manche Probleme lösen sich von selbst, sofern man zu warten bereit ist.“ Das stimmt. Und stimmt nicht froh. Denn bald – sehr bald – wird der kleine Gletscher abgeflossen sein und die Ruhe wird wieder einkehren. Gletscher schmelzen schneller als Trends vergehen.
 
Bis dahin jedoch steht man Schlange. Zwischen Menschen und dem, was sie hinterlassen.

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