Es gibt eine Ecke der Alpen, die zwar schon lange meine Neugierde reizt, über die ich jedoch absolut gar nichts weiß. „Ja, aber wie soll das denn gehen, dass dich etwas reizt, von dem du gar nichts weißt?“, fragte Klara nicht ganz ohne Grund, da Reize ja etwas Externes seien oder zumindest von einer nicht unmittelbar zu uns gehörigen Sache ausgingen und schließlich bzw. folglich etwas in uns anregen. Klara hatte natürlich absolut recht und ich musste mich ihr gegenüber korrigieren und tue dies auch hier indem ich sage: Es gibt eine Ecke der Alpen, die zwar schon lange meine Neugierde reizt, über die ich jedoch nicht mehr weiß, als dass sie existiert, zumindest sofern die Karten korrekt sind, auf denen ich sie wahrgenommen habe, und diese Ecke sind die Sarntaler Alpen.
Fährt man über die Brennerautobahn gen Süden und passiert Sterzing über eine gedehnte Linkskurve, die schließlich in einer langen und kaum wahrnehmbaren Rechtskurve mündet, so hat die eigene Position eine Linie beschrieben, die alles mögliche ist, jedoch keineswegs eine Gerade. Ich kritisiere dies keineswegs. Im Gegenteil. Es ist dies sogar sehr effizient, zumindest, sofern man ein Ziel – z.B. Bozen – hat, auf welches bezogen diese Bewegungsfolge als effizient bezeichnet werden kann. Üblicherweise möchte auch ich dorthin, wann immer ich Sterzing derart passiere, doch nicht heute, denn heute möchte ich nach geradeaus, genauer: auf das Penser Joch, also das nördliche Ende der Sarntaler Alpen. Dort fotografiere ich den Sonnenaufgang und freue mich darüber, Schönheit auf Vorrat festzuhalten, für ein Buch, das erst in einem Jahr erscheinen wird. Eine gute Form der Zukunftsplanung: Bereits im nächsten Jahr zu leben, bis dahin jedoch noch ein gutes Jahr Zeit haben.
Die Sarntaler Alpen sind ein Ort, an dem Menschen seit Ewigkeiten das Gleiche tun und es keinen Grund dafür gibt, damit aufzuhören. Dies unterscheidet die Sarner nicht grundsätzlich von anderen Menschen, da auch andernorts Dinge solange gleich getan werden, wie kein Grund zu ihrer Änderung besteht, wie etwa das regelmäßige Atmen eine solche Tätigkeit ist, doch wird in Sarntalern noch weiteres traditionell getan, worüber später noch zu sprechen sein wird.
Gerade die abgelegeneren Almen sind von Handynetz und Internet nicht abgedeckt; man könnte auch sagen: verschont geblieben. Hier netzwerkt man noch ohne Technik und ich darf also zunächst anderthalb Stunden zu einer Alm aufsteigen, um mit jemanden zu sprechen, an den ich Fragen habe. Eine radikale Idee: Will man mit jemandem reden, geht man zu ihm hin. Analoges Netzwerken als lebendige Kulturtechnik von früher bzw. seit immer. Von den Vorteilen berichtete mir jüngst erst Schmidt: „Analoge Lösungen sparen einem nicht nur digitale Probleme, sondern auch digitale Lösungen, die nicht selten getarnte analoge Probleme sind.“
Ich lerne: Gebietsrecherche ist eine Tätigkeit, bei der man vorgibt, systematisch vorzugehen, jedoch vor allem durch die Gegend läuft, mit jedem spricht, den man trifft, und den Sinn des ganzen später zusammenrationalisiert. Ich lerne über Federkielstickerei und Latschenbrennerei. Über Overtourism, aber vielleicht eher auch über dessen Gegenteil, sofern es dieses gibt, was möglich ist, da mir davon berichtet wird, von einigen zumindest. Bei den Sarnern sind die Dinge nämlich, wie auch überall sonst: unterschiedlich, je nachdem, wen man fragt.
Eine gute Sache, wenn ihr mich fragt.














