Es war im Sommer 2019, als ich während eines längeren Solo-Trips in die Dolomiten unterhalb des Grödner Jochs geparkt hatte und sich ein roter Caddy mit zwei motivierten Oberbayern neben mich stellte. Wir verstanden uns auf Anhieb, doch blieb der Abend kurz, da wir für den nächsten Tag jeweils etwas vorhatten. Der Tag verlief für alle erfolgreich und mit einer Palette Turmbräu-Dosenbier feierten wir das Getane bis in die Nacht mit einer Palette Turmbräu-Dosenbier.

Mit Stefan verabredete ich mich kurze Zeit später, um einige Sella-Klassiker zu klettern und wir wurden Freunde. Jahr für Jahr verabredeten wir uns in der Folge für Unternehmungen – unsere jeweils größten – im Bergell, im Rätikon und immer wieder in den Dolomiten. Nach einem wilden gemeinsamen Sommer 2024 brach ich mir das Bein und fiel länger aus, bei unserer ersten Tour im Frühjahr 2025 verweigerte Stefans Schulter den Dienst und Stefan fiel für die Saison aus.

Es ist schon seltsam, wie schnell man sich an Mangel zu gewöhnen scheint. Wie schnell man das einfach hinnimmt, dass bestimmte Ziele ausbleiben, weil man sie eigentlich nur mit einer bestimmten Person angehen möchte, die aber nicht verfügbar ist. Man streicht die Ziele ja nicht, man stellt sie sich bloß nicht mehr vor. Wie groß und schmerzhaft so ein Mangel ist bzw. war merkt man erst, wenn man irgendwann doch wieder in jener Konstellation unterwegs ist, in der man sich so vollumfänglich wohlfühlt.

Die gemeinsamen Trips messen sich weniger in dem, was man zusammen erklettert, sondern vielmehr an dem Gefühl, das einen während des Kletterns ausfüllt. Es ist eine sehr besondere, sehr umfängliche Einigkeit, in der wir uns in unseren gemeinsamen Zeiten befinden. Von der An- bis zur Abreise besteht dieses so stille, meist unausgesprochene, aber alles begleitende Einverständnis miteinander. Man ist sich einig in den Zielen, die man voll und ganz gemeinsam erreichen möchte. Man ist sich einig in den Risiken, die man einzugehen bereit ist, genauso wie in den Grenzen, ab denen man nicht weitergeht. Vollkommen einig im Respekt vor der anderen Person, die immer Teil von einem selbst ist und die nie übergangen wird.

Es gibt ja diesen etwas altertümlichen und hochsymbolisch aufgeladenen Begriff der Seilschaft. Aber genau der, so fühle ich das immer wieder, trifft die Sache. Man hängt gemeinsam an einem Seil. Und wenn der Vorsteiger das Seil ausklettert, dann klettert man eben nach, denn: Der da oben wird das schon genau so machen und eingerichtet haben, dass es von uns beiden genauso gewollt sein kann. Auf diese Weise einen ganzen Tag lang durch große Wände zu steigen, bedeutet auch das große Glück, einen ganzen Tag in Einigkeit verbracht zu haben. Voll auf Augenhöhe, ohne jeden Zweifel aneinander. 

Vielen Dank dir, Stefan, dass wir nach zwei Jahren mal wieder „in unseren Wänden“ unterwegs sein konnten. Ich wünsche mir, dass wir das noch viele viele Jahre lang so machen werden.

Cima Canali: Buhlriss
Pala di San Martino: Gran Pilastro
Punta Emma: Wiesinger-Steger
Delagoturm: Delagokante
Sas Pordoi: Gross

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